Verfriedlichtes Gedenken

Wie soll man öffentlich an die Toten der beiden Weltkriege erinnern? An die zerschossenen Soldaten, Väter, Brüder und Söhne, und zugleich an die zivilen Opfer des Krieges, an die Menschen im offenen und heimlichen Widerstand, an die verfolgten und gequälten Menschen in den Lagern?

Die Frage, wie man sich erinnert, wird überlagert von Fragen nach Schuld und Täterschaft. Wie kann man an einen Vorfahren erinnern, der ein überzeugter Soldat in der Wehrmacht war, der im Krieg Gewalt ausgeübt hat und ihr selbst zum Opfer fiel? Wie trauert man um ein Familienmitglied, ohne Schuld zu vertuschen oder sich nachträglich reinzuwaschen? Geht das überhaupt?

Nachträglich angebrachte Tafel am Denkmal in Lippramsdorf. „Die Opfer der Kriege mahnen: Trauert um uns, wahrt Frieden und öffnet Eure Hände zur Versöhnung mit allen Völkern.“

Was ist heute die angemessene Form für eine Gedenkfeier in Deutschland? Ein Schützenaufmarsch mit Fackelzug am Kriegerdenkmal, oder ein gewaltfreies Erinnern und Mahnen?

Diese Frage stellt auch die Arbeitsgruppe Denk.Mal im Forum für Demokratie, Respekt und Vielfalt in Haltern am See.

Jedes Jahr zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, findet die AG Denk.Mal neue, kreative Lösungen, um das Kriegerdenkmal in Lippramsdorf für ihre Gedenkfeier zu „verfriedlichen“, wie es Werner Nienhüser in seiner Moderation ausdrückt.

Mal sind es Blumen, die dem angreifenden Soldaten statt der Waffe in die Hand gedrückt werden. Mal wird eine eigene Krieger-Skulptur aus Holz aufgestellt und während der Feier symbolisch vom Platz getragen. Mal steigen weiße Friedenstauben auf die Denkmalskrieger herab und setzen sich auf ihre Stahlhelme.

In diesem Jahr am 8. Mai wurde das Denkmal mit einer weißen Plane verhüllt und verschnürt, wie für den behutsamen Abtransport.

Verhülltes Denkmal in Lippramsdorf bei der Gedenkfeier am 8. Mai 2026 zum Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Die Aktion ist sanft, sie fügt dem abgekämpften Krieger keinen Schaden zu – man denkt, er hat ja auch genug gelitten, hier seit 1938 zu stehen und ewig voranzupreschen, das muss doch sehr ermüdend sein? Die Aktion der AG Denk.Mal ist kein gewaltbrechender Akt, sondern eine sanfte Verfriedlichung. Der Krieger darf einpacken und gehen. Er soll Frieden finden.

Die jährlichen Aktionen der AG Denk.Mal finden in der örtlichen Politik und den traditionellen Vereinen in Lippramsdorf und Haltern bisher kein Verständnis und auch keine Bereitschaft zum Gespräch. Dabei gibt es so viele Möglichkeiten und Lösungsvorschläge, die man diskutieren könnte.

Das ist dringend nötig. Denn schließlich: Lippramsdorf ist überall. Dieses Kriegerdenkmal ist nicht das einzige in Deutschland, das eine Verfriedlichung nötig hat.

Die Frage bleibt, und sie war noch nie einfach: Wie gehen wir um mit deutscher Verantwortung und Erinnerung in einer Demokratie, die den Frieden suchen, aber dennoch nach innen und nach außen wehrhaft sein soll? In einer globalen Krisenlage, in der Kriege mit vielen Akteuren, autoritären Interessen und wechselnden Allianzen immer komplizierter werden?

In der achtzigjährigen, demokratischen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat sich das Gedenken gewandelt. Es wird Zeit, dass sich auch die Denkmäler wandeln. Die Vorschläge sind da. Lasst uns darüber sprechen.

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